Interview: Wintermoon

WintermoonDas Erscheinen von „Arroganz“, dem zweiten Album Wintermoons (bestehend aus Argathon und Asagh) ist der Anlass für mich, den Dingen mal genauer auf den Zahn zu fühlen.

HATEFUL METAL: Salve Argathon. Es gibt zwar Menschen, die es für unentbehrlich erachten, am Anfang eines Zwiegesprächs um die Vorstellung der Gruppen und deren Geschichte zu bitten, doch mich langweilt es, und so hoffe ich, dass es Dich nicht stört, wenn ich hierfür auf die Wintermoon-Seite im Netz verweise. Seit kurzem ist das zweite Wintermoon-Album „Arroganz“ erhältlich. Zu aller erst interessiert mich, was es mit dem Albumtitel „Arroganz“ auf sich hat.

ARGATHON: Grüss Dich, Aceust. Mit Deiner Meinung zur obligatorischen Einführung in die Bandgeschichte stimme ich absolut überein; deswegen bin ich froh, dass Du uns damit verschonst.
„Arroganz“ – ein Titel mit vielen Bedeutungen. Denen wir mit Wintermoon ein Dorn im Auge sind – man kennt die ermüdenden Endlosdiskussionen um Abklatsch, Innovationslosigkeit etc. – ist „Arroganz“ der Schlag ins Gesicht. Für die, die unsere Kunst und unseren Kult vergewaltigen durch Kapitalismus und idiotische Ideologie, ist Wintermoon mit Arroganz” der Knüppel zwischen den Beinen. Wir blicken voller Stolz auf unser bisheriges Schaffen und nun auch, und besonders auf „Arroganz“ und nennen uns Teil der kleinen Elite des Black Metals – wer uns daraufhin als arrogant beschimpft, der soll sich in dem Albumtitel bestätigt finden… Weiterhin hat dieser Begriff noch persönliche Bedeutung, die hier allerdings keine Erwähnung finden braucht.

Wie Du aufgrund meiner Besprechung zu „Arroganz“ weißt, bin ich von dem Werk angetan und positiv überrascht. Ich empfinde es vielschichtiger, dadurch auch eigenständiger und deshalb auch insgesamt etwas besser als das Debütalbum „Sorrow & Hate“. Wie siehst Du das?

Ich stimme Dir durchaus zu, auf „Arroganz“ haben wir mit Wintermoon den bisher höchsten Grad an Vielschichtigkeit und Eigenständigkeit erlangt. Mein Anspruch an meine Erschaffungen ist sehr hoch, sodass ich nichts veröffentliche, von dem ich nicht absolut überzeugt bin, und ich denke, eine sehr gute Selbsteinschätzung diesbezüglich zu besitzen.
So war es auch mit „Sorrow & Hate“, doch leidet dieses Werk unglücklicherweise und nicht unerheblich an seinem Klang, der trotz langem Versuchen und Werkeln nicht wie gewünscht ausgefallen ist. (Somit spiel(t)e ich mit dem Gedanken, dieses zweite Opus nochmals aufnehmen und auf einer eh geplanten LP-Veröffentlichung preiszugeben). Im Nachhinein tat sich zudem doch der ein oder andere Zweifel auf; somit ist auch meine Meinung, dass „Sorrow & Hate“ etwas hinter den anderen beiden Werken zurücksteht.

Mir ist sofort aufgefallen, dass die Lieder auf „Arroganz“ allesamt kürzer sind als zuvor auf „Sorrow & hate“. Steckt dahinter eine bewusste Veränderung oder war diese Entwicklung eher Zufall?

Von einer „bewussten Veränderung“ kann nicht die Rede sein. Es hat sich einfach so ergeben, und diesem Werdegang habe ich nicht im Weg gestanden. Erwähnenswert ist, dass sich ebenfalls die Musik, ihre Aussage und Atmosphäre, ja, selbst die Lyrik, sehr gewandelt haben. Nichtsdestotrotz ist es ohne Zweifel wieder erkennbar, das Schaffen aus meiner / unserer Hand.

Euer Liedgut ist insgesamt und oberflächlich betrachtet sehr eingängig beschaffen. Es ist gekennzeichnet durch zumeist lange Passagen in einem eingängigen schnellen Rhythmus. Welche Bedeutung hat diese grimmige Eingängigkeit für Dich?

So lange sind die einzelnen Passagen ja gar nicht mehr, wie wir festgestellt haben, haha! Diese Monotonie ist (für mich) unerlässlicher Bestandteil wahren Black Metals und dunkler, intensiver Musik im Allgemeinen; der Grimm, der auf „Arroganz“ deutlich zugenommen hat, ebenso; sein Zuwachs zeigt, dass er im Verhältnis der beiden großen Emotionen – Trauer und Hass („Sorrow & Hate“) mittlerweile, mindestens auf „Arroganz“, dominiert. So hat sich, wie erwähnt, auch die Lyrik einem extremen Wandel unterzogen und ist nun nicht mehr vordergründig von Traurigkeit und Ohnmacht gekennzeichnet, sondern schlichtweg: satanisch. Das bedeutet Intoleranz, Aggressivität, Brutalität, Stärke. Und diese Stärke kann man beim Hören von „Arroganz“ spüren!

Was hat zu diesem Wandel – vom Traurigen zum Aggressiven und Intoleranten geführt? Ich frage auch deshalb, weil zwischen den beiden Werken gerade mal ein gutes Jahr liegt.

„Sorrow & Hate“ erschien mit fast einem Jahr Verspätung aufgrund einiger Komplikationen. Was diesen Wandel bewirkt hat? Es ist das Ergebnis meines Seelenlebens, der blackmetalbezogene Überdruss (auf den ich noch eingehen werde) und noch andere Faktoren.

Wenn ich Deiner Musik lausche, muss ich ab und zu an Darkthrone, bisweilen auch an Judas Iscariot denken. Nerven Dich solche vergleichenden Überlegungen und findest sie unangemessen?

Diese Vergleiche nerven mich nicht im Geringsten; sie ehren mich! (Ausgenommen sind solche, die diese Similarität als Negativaspekt attackieren. Leute mit solcher Haltung haben allerdings entweder kein Gespür für diese Musik oder einen Haufen Neid, entstehend aus ihrer eigenen Unfähigkeit, selbiges zu er-schaffen.) Mit Darkthrone und ferner Judas Iscariot nennst Du zwei meiner größten Einflüsse und Ideale, welche Darkthrone zweifellos anführen. Ich liebe diese Kunst, von der es nur so wenig Gutes gibt. Also erschaffe ich mit Wintermoon Werke nach diesem Ideal, und das, wie ich denke, ausgesprochen und außerordentlich gut. Sagt jemand “Hey, Wintermoon klingen wie Darkthrone”, dann ist das doch toll, denn es zeigt, dass wir erfolgreich sind. Wie viele – etliche – versuchen sich daran, scheitern aber gnadenlos! Dabei soll ebenfalls gesagt sein, dass sich Wintermoon durchaus eines eigenen, wieder erkennbaren Stils rühmen kann.

Neben Wintermoon bist Du gemeinsam mit Asagh auch in Necroccult tätig. Bisher ist nur das Demo „Chapter I…“ veröffentlicht. Was hat es mit Necroccult auf sich, zumal es ebenfalls grimmiger Black Metal ist, der in Richtung alte Schule und Darkthrone geht?

„Chapter I…“ entstand damals als Huldigung an die kompromisslose und satanische schwarzmetallische Kunst, wie sie allem voran auf „Under a Funeral Moon“ zu finden ist; ohne leidenschaftliche Melodien, ohne Melancholie – einfach bloß pechschwarz.
Damals schien mir der Unterschied zu Wintermoon und dem bereits veröffentlichten Debüt „Kingdom of Hate“, dessen Stil ich strikt weiterführen wollte, zu groß und beschloss, dieses zweite schwarzmetallische Werk aus meiner Feder unter anderem Banner zu veröffentlichen – Necroccult – und somit die Stile zu trennen. Es ist dabei offensichtlich, dass diese zwei Stile, wenn man so überhaupt differenzieren kann, sehr eng zusammen liegen; zu eng, wie ich mit der Zeit feststellte. Somit fasste ich den Entschluss, diese Trennbarriere einzureißen und die beiden Stile miteinander zu verschmelzen. Es war die richtige, die nötige Entscheidung. Somit entstand schließlich „Arroganz”, wie man unverkennbar hören und sehen kann. Necroccults „Chapter I…” kann also auch als Werk unter dem Banner Wintermoons anerkannt werden. Folglich ist die Weiterführung des Projektes „Necroccult“ nicht mehr nötig; das letzte Lied, „Slay the Worthless“, wird noch auf dem bald erscheinenden Gemeinschaftstonträger der Kältetod Legion erscheinen – damit verabschiedet sich Necroccult.

Wintermoon (Band)„Sorrow & Hate” war die erste Veröffentlichung von Seelenkrieg Records, Deiner eigenen kleinen Plattenfirma. Was bewog Dich dazu, Seelenkrieg Records ins Leben zu rufen?

Anfangs sollte Seelenkrieg Records lediglich eine Plattform darstellen, auf der sämtliche Werke meines Schaffens zu finden sein sollten. Es hätte sich nicht viel geändert – Eigenproduktionen wären es weiterhin geblieben, nur mit dem Unterschied, dass alles von mir Kreierte einen Sammelpunkt findet und somit Interessenten zugänglich ist (damals hatte ich noch einige weitere Projekte, die ich umgesetzt sehen wollte). Einen Verlag im eigentlichen Sinn zu erschaffen war mir zuwider, da die Szene von unzähligen (zumeist überflüssigen) Plattenverlagen und –vertrieben überschüttet ist; selbiges gilt für Gruppen und e-Magazine. Wieso also sich in die Kette einreihen und die Übersichtslosigkeit noch unterstützen?!
Diesen Zustand, der meine Entscheidung begründete, nahm ich allerdings etwas später geradezu als Anlass!, einen richtigen Verlag zu gründen. Denn: Es existieren, wie geschildert und allgemein bekannt, so viele Verlage/Vertriebe, die dem Ruin des Black Metals beisteuern, entweder durch unwürdige Veröffentlichungen oder kapitalistische Ausbeutung, sodass ich entschloss, Seelenkrieg Records als eine Konstante ins Leben zu rufen, die diesem Trend entgegenwirkt. Das heißt, nur Ausgezeichnetes zu veröffentlichen und zu fairen Preisen den Interessenten anzubieten. (Im Übrigen sind genrespezifisch keine Grenzen gesetzt).

Mittlerweile ist Seelenkrieg Records zu einer für mich wichtigen Aufgabe geworden, die ich mit Leidenschaft verfolge. Somit gibt diese kleine Plattenfirma jedem etwas: den Gruppen, den Hörern und mir. (Und das sicherlich nicht in finanzieller Hinsicht. Wenn ich auf Null rauskomme, bin ich diesbezüglich überglücklich!)

Wintermoon steht ja – man könnte durchaus konzeptionell sagen – für traditionellen puren Black Metal, was Du sowohl musikalisch wie auch visuell darlegst. Welche Bedeutung haben Schwarzweiß-Abbildungen mit Corpsepaint und Kerzenleuchter in der Hand, für Dich?

Das Optische gehört einfach zu einem Werk dazu; so ist es auch bei Wintermoon essentieller Bestandteil. Gerade bei „Arroganz“ ist das Vorbild nur allzu deutlich, die Anspielung bewusst gewählt, was wir uns jedoch, wie ich denke, erlauben können, da unsere Qualität es legitimiert. Das Corpsepaint (wie auch andere Symbole) sind Tradition uns für uns absolut unerlässlich, gleichzeitig auch Tribut.

Zu dieser Überzeugung gehört auch eine gewisse Sicht auf weltliche Dinge. Wie siehst Du die Tendenzen und Veränderungen dahingehend, dass aufgrund der Einfachheit durch technische Möglichkeiten jeder sein Musikmagazin (Webzine) oder Ein-Mann Black Metal-Projekt publiziert und ins Netz stellt?

Alles hat zwei Seiten. Ich störe mich jedoch sehr an der negativen Komponente, welche die ist, dass die Szene überflutet wird, größtenteils mit Müll, und somit die Orientierung verloren geht und die Gesamtqualität stark herabgesetzt wird.

Kannst Du das ein wenig erläutern? Wodurch genau geht die Orientierung verloren und wird die Gesamtqualität herabgesetzt?

Die heutige Zeit mit ihrer Technik hat folgendes Phänomen zur Folge: Jeder Scheiß kann himmelhoch angepriesen werden (und wird er auch) und entsprechend, wenngleich ungerechterweise, erfolgreich vermarktet. Die qualitativ hochwertigen Werke, welche eh immer die Minderzahl bilden, gehen dadurch verloren. Davon ist auch der Black Metal natürlich nicht verschont. Diese Freiheit (Veröffentlichung, Presse, Propaganda) ist also ein großes Übel, denn es lässt den Pöbel und die Ausbeuter regieren.

Alle Wintermoon-Veröffentlichungen wurden mit einem Schlagzeuger eingespielt und aufgenommen. Daraus schließe ich, dass es Dir wichtig ist, Deine musikalischen Intentionen ohne Hilfe eines Drumcomputers zu verwirklichen. Ist an meiner Schlussfolgerung etwas dran?

Ja, Du liegst richtig, auf einen Schlagzeugcomputer würde ich niemals zurückgreifen wollen, denn es schadete erheblich der Atmosphäre. Weiterhin gilt zu sagen, dass es nicht irgendein Schlagzeuger ist, der mir Beistand leistet, sondern – seit „Chapter I…“ Asagh, dessen Wichtigkeit und Beitrag mit jeder Veröffentlichung zunehmend größer wurde und der spätestens seit „Arroganz“, möchte ich sagen, für Wintermoon unverzichtbar ist.

Es rücken immer mehr Gruppen ins Licht der Öffentlichkeit, die mit dem ursprünglichen Black Metal mit all seiner Roh- und Einfachheit nichts mehr gemeinsam haben. Sie erschaffen sehr anspruchsvolle und künstlerische Werke, die oftmals mit komplexen philosophischen Themen einhergehen (was ich mit einer aktuellen modernen Entwicklung verbinde, der ich skeptisch gegenüber stehe). Wie empfindest Du diese Tendenzen, dass der extreme (Black) Metal immer künstlerischer (lyrisch, gestalterisch und natürlich musikalisch) und dabei auch professioneller wird?

Die Wege, die der moderne Black Metal einschlägt, sprechen mich zum größten Teil nicht an, wenngleich ich einzelnen Vertretern dieser Sparte ihre Qualität nicht abspreche. Er interessiert mich allgemein also nicht.
Ob „professionell(er)“ dabei der richtige Begriff bzw. als positiv zu verstehen ist, bezweifle ich stark. Zwar stimmt es, dass Klangqualität und technisches Können zunehmen, doch wirkt dies der eigentlichen Qualität, der Quintessenz, des Black Metal entgegen.

Da bald ein neues Jahr beginnt, möchte ich von Dir gerne wissen, welche Veröffentlichung Dich in diesem Jahr am meisten berührt und beeindruckt hat und wovon Du am meisten enttäuscht warst.

Eine Frage, die ich Dir nur schwer beantworten kann und ungern will, denn (zu) wenig bekomme ich nur noch von den aktuellen Black Metal-Veröffentlichungen mit (aufgrund genannter Missstände und Interessenverschiebung, besser: Horizonterweiterung durch musikalische Aufgeschlossenheit). Wenngleich kein Black Metal, doch die Seelen dessen Hörer durchaus ebenso ansprechen könnend, ist das Debüt Nachtreichs, „Von Dornen & Selbstmord“, und zugegebenermaßen „Arroganz“ (soviel zur Titelwahl…). Zumeist vergnüge ich mich mit älterem Material, womit Du Dich mit dieser unzureichenden Antwort begnügen musst.

Bei den, von Dir angesprochenen Nachtreich, handelt es sich im eine Folk-Gruppe. Meinst Du mit „Horizonterweiterung“ das Erschließen anderer Musikstile, welche neben dem Black Metal Dein Innerstes ansprechen und berühren? Und wenn ja, was gibt es da noch außer dem Folk?

Ja, Du beschreibst es sehr richtig. Folk und Akustikmusik im Generellen sind für mich wichtige Sparten, sei es nun skandinavisch oder irisch. (Für Nachtreich ist “Folk” im Übrigen wohl nicht die richtige Bezeichnung. “Melodramatische, melancholische Klangästhetik” deutet vielleicht am besten ihren Stil an.) Da sind aber auch vereinzelte Sachen aus Metal, progressivem/alternativem Rock, Ambient und Klassik.

Folk ist mit Ambient zurzeit recht beliebt innerhalb des Black Metals. Da Du selbst davon gesprochen hast, interessiert es mich, wie Du Dir das erklärst.

Folk fand recht früh Einzug in den Black Metal; man erinnere sich an Ulver und Enslaved. Musikalisch ist Folk, wie auch Ambient, (oftmals) sehr dem Black Metal verwandt, und die Symbiose kann sich bekanntlich (vereinzelt) hören lassen. Thematisch ist es wohl schwelgende Romantik in der Mythologie mit ihren kriegerischen Göttern und der Naturbezogenheit (so bspw. auch Tolkien) Tradition und Mystik, was zudem gerne als Gegenstück zum Christentum genommen wird. Allerdings stehe ich dem, wie erwähnt, sehr kritisch gegenüber.

Was wird uns bezüglich Wintermoon die Zukunft bringen, ist bereits irgendetwas in der Planung?

Zukunftsprognosen kann und will ich hier nicht geben, denn wenn Zukunft eins ist, dann: ungewiss.

Wie es sich gehört, überlasse ich Dir an dieser Stelle das letzte Wort.

Ich danke Dir, Aceust, dass Du mich hier hast ausführlich zu Wort kommen lassen und fühle mich durch dieses Gespräch geehrt, zumal ich weiß; Deine Gespräche sind rar und somit sorgfältig gewählt. Ein Lob sei Dir ausgesprochen für Hateful Metal, mit dessen Existenz Du noch die alten Werte verfechtest und die Tradition bewahrst.

Schreibe einen Kommentar