Interview: Sunshine & Lollipops

Sunshine & Lollipops (Logo)

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Hallo Alex, als erstes interessiert es mich, wie die Reaktionen auf SUNSHINE & LOLLIPOPS ausfallen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Du nicht nur Zuspruch bekommst und S&L in gewissen Kreisen ordentlich aneckt.

Ja. Verprügelt wurden wir noch nicht, aber natürlich wirken S&L extrem polarisierend. Besonders unsere erste Split-CD mit Wigrid wurde von vielen Sympathisanten der jeweiligen Beteiligten schon kategorisch abgelehnt wegen „No-Colors-Vergangenheit“ respektive „Spaßband“. Das war natürlich genau die Intention bei der Kollaboration, aber das hat sich dem Konsensmetaller bisher offenbar nicht wirklich erschlossen. Das war von beiden Seiten ein Statement gegen infantiles Schubladen-Marketing. Eine Zielgruppe gibt es nicht. S&L soll für sich alleine stehen. So Leid es uns tut, man muss sich etwas mit S&L auseinandersetzen, um eine Idee davon zu bekommen, was die Band ausmacht. Dann kann man uns immer noch toll oder scheiße oder belanglos finden, aber die Oberflächlichkeiten greifen nicht. Daher stört es uns auch überhaupt nicht, dass andere Bands uns unter fadenscheinigen Begründungen boykottieren, um ihr Image zu schützen. Das sagt nichts über uns, und alles über sie selbst aus. Ich habe die ganzen Szeneduckmäuser einfach satt. Wir werden unseren Weg schon gehen, mit oder ohne Unterstützung.

 

Sunshine & LollipopsEs gibt wirklich Bands die Dich und S&L boykottieren? Das erscheint mir doch recht töricht zu sein, obschon ich die Abstempelung als „Spaßband“ in gewisser nachvollziehen kann. Wie Du selbst sagst ist S&L sehr polarisierend. Schon alleine der Bandname wirft Fragen auf. Für einen echten Black Metaller, der tief in den Wäldern wohnt und ausschließlich Vinyl kauft und norwegische Bands hört, ist solch ein Name natürlich ein Affront. Hat der Name SUNSHINE & LOLLIPOPS einen tieferen Sinn oder dient er lediglich der Provokation?

Na, es geht jetzt keiner vor meiner Haustür demonstrieren, aber wir sind quasi das fette Kind beim Völkerball in der Grundschule, das keiner in der Mannschaft haben will. Nur dass es bei Kunst keine Gewinner gibt, was derartige Abgrenzungen für mich unsinnig und lächerlich macht. Am Begriff der „Spaßband“ will ich mich auch eigentlich gar nicht groß aufhängen. Was soll das denn tatsächlich ausdrücken? Dass man irgendwelche wie auch immer gearteten Blackmetal-Werte weniger ernst nimmt als andere Bands? In puncto Authentizität und konsequenter Lebenswandel würde ich mich da ganz gelassen messen lassen, da ich stark bezweifle, dass irgendwelche Studententeenies, die gestern durch Wolves In The Throne Room zum Black Metal gefunden haben, oder Familienväter erster Szene-Stunde privat rund um die Uhr menschenhassend den gesellschaftlichen Status Quo und Religiosität bekämpfen. Wir propagieren tatsächlich nur, was wir auch ausleben. Wenn wir in Texten was von Nihilismus und Anarchie verzapfen, dann nicht, weil wir privat bei der Bank arbeiten und Hundebabies herzen, egal wie scherzhaft manchmal der dabei gesuchte Ausdruck klingen mag. Unser Humor ist höchstens Galgenhumor.

Nein, natürlich geht’s da einzig um unseren Bandnamen und die Verweigerung, aktuellen Trends nachzueifern, bzw. diese offensiv zu thematisieren. Für mich ist Kerzenlichtatmosphäre und poetische Naturphilosophie einfach zu seicht und zu nett und zu normal und ich finde da dran absolut nichts seriöser als an unserem Auftreten. Unser Name bedeutet semantisch in der Tat überhaupt nichts. Er ist einfach die dümmlichste Kombination lebensbejahender Oberflächlichkeit, die mir einfiel. Das dient natürlich der Provokation, ist aber auch Symbol für die Willkürlichkeit und Nichtigkeit von Bandnamen und Blackmetal-PR überhaupt. Natürlich ist unser „Anti-Image“ genauso Image wie alle anderen auch, da will ich überhaupt keine falsche Naivität vorschützen, aber ich fühle mich einfach besser, ohne die unerträglich faden Klischees weiter auszulutschen.

 

Sunshine & Lollipops – Empty (Always Look On The Dull Side)Der Black Metal hat sich extrem ausdifferenziert und er ist sogar teilweise kommerziell relativ einträglich. Den einen Black Metal, wie es ihn vielleicht vor 15 oder gar 25 Jahren gegeben hat, gibt es nicht mehr. Die Vermischung mit vielen anderen Genres und Einflüssen ist allgegenwärtig. Was ist für Dich Black Metal, was macht ihn (heute) für Dich aus?

Schwer zu sagen. Ich mache mir darüber heutzutage eigentlich keine Gedanken mehr, aber ich sah Black Metal als Kunstrichtung vor allem Ende 90er an einem Scheideweg. Da hatte ich bereits absolut die Schnauze voll von Underground als Selbstzweck und antikreativem Retrokult oder plakativer Politik als Alleinstellungsmerkmal. All das hat sich bis heute über die Jahre eigentlich nur verschärft. Dagegen standen damals in erster Reihe einige eigentlich traditionelle Bands, die plötzlich mit Platten wie „666 International“, „Rebel Extravaganza“ oder „Grand Declaration of War“ einerseits die ganze Szene vor den Kopf stießen, aber für mich erst die Essenz von Black Metal über die 90er gerettet haben.

Diese Sichtweise ist heute natürlich immer schwieriger auf alle möglichen Ausläufer anzuwenden, aber sie hat sich bei mir nicht wirklich geändert: Es gibt transparente, hohle Trends, die sogar musikalisch gefällig sein mögen, aber die für mich nicht ernsthaft gefühlsmäßig was mit Black Metal zu tun haben. Dabei denke ich an viele Crust-, Thrash- und NWOBHM-beeinflusste Bands, die teilweise schwer abgefeiert werden, aber die kreativ eigentlich nichts zu bieten haben, oder an sogenannten Cascadian- oder „Hipster“-Black-Metal, der sich hauptsächlich in einer neuen Zielgruppe unterscheidet von Sachen, die alle exakt schon mal da waren. Was ich respektiere, sind nach wie vor mutige, extreme und rebellische Bands. Leute, die anecken wollen und trotzdem auch auf musikalischer Ebene die Tradition zu transportieren wissen.

Wo S&L da jetzt einzuordnen wären, sei mal dahingestellt. Ideologie ist auch noch eine ganz andere Frage, die hier aber mindestens genauso schwer wiegt. Dahingehend kann man die heutige Szene schon gar nicht auf einen Nenner bringen. Ich habe da auch eindeutige Vorlieben, aber keine, die ernsthaft zur Klassifizierung beitragen könnten. Kurz zusammengefasst: Black Metal hat kein Rezept, das mir immer schmeckt. Im Grunde finde ich heute wie damals 99% der Szene beschissen und falsch. Der poplige Rest ist der Grund, warum ich nicht davon lassen kann und mich vermutlich auch in 20 Jahren noch darüber auskotze, wenn die aktuellen Vorlieben schon lange vergessen sind.

 

Sunshine & Lollipops (Alex Ithymia)Wenn ich Dich richtig verstehe, langweilt Dich das Unkreative und Gleichbleibende genauso, wie Dich seelenlose und aktuell beliebte Trend-Bands ankotzen. Mir scheint, dies ist ein unauflösbarer Konflikt. War das daraus resultierende Gefühl ein Auslöser für Dich, mit S&L eine weitere Band zu gründen?

Das war nicht der alleinige, bewusste Anstoß, aber es spielt sicher eine Rolle im Hinblick darauf, wie sich S&L bisher anhört und präsentiert. Was sich bestimmt auch mit der Zeit ändern wird. Falls wir plötzlich zufällig auf Gegenliebe stoßen und dann immer die gleiche Masche beibehalten würden, müssten wir uns sonst ja selber anfeinden. Es ist grundsätzlich ein Dilemma, sich selbst als Band treu bleiben und trotzdem unberechenbar sein zu wollen. Aber genau das ist der Anspruch.

 

Wenn ich an die Split-CD mit WIGRID und das gerade erschienene S&L-Debütalbum „Empty (Always Look On The Dull Side)“ denke, wirst Du diesem Anspruch voll und ganz gerecht. Die beiden Scheiben haben Gemeinsamkeiten aber auch größere Unterschiede, die mich sogar etwas überraschten. Das Album ist weniger aggressiv, roh und hart als es noch die Split-CD war. Ist dies die logische Konsequenz und Entwicklung, unberechenbar sein zu wollen, sich aber trotzdem treu zu bleiben?

Logisch würde ich das nicht unbedingt nennen, es war aber dennoch ein bewusster Schritt. Härte und Aggression finde ich persönlich nicht wirklich vergleichbar, es ist einfach ein anderer Ansatz bei beiden Platten. Das Split-Material war von vornherein als vorläufiges Statement in Sachen Black Metal konzipiert: Chaotisch und abwechslungsreich und bestimmt eigenwillig, aber doch relativ traditionell, und für mich ein Versuch, die musikalische Basis, unsere Vergangenheit abzustecken – was auch damit zusammenhängt, dass diese Songs teilweise noch 12, 13 Jahre alte Musik beinhalten, die ich loswerden wollte, bevor es einen drastischen Neuanfang geben sollte, also kommt deine Überraschung nicht von ungefähr. Deshalb auch der räudige Sound, der unserer Meinung nach am besten dazu passte. Das war durchaus Absicht. Das war kein Homerecording, sondern ein professionelles Studio, bloß etwas kreativ genutzt, z.B. mit Raum-Mikrophonie im Inneren eines kaputten Klaviers und so Scherze, dazu fast ausschließlich „first takes“, vor allem die Vocals waren ein einziger Durchgang ohne Kontrolle, um alles möglichst ursprünglich zu halten.

Die aktuellen Songs brauchten aber unserer Meinung nach eine andere Grundlage. Moderner, sozusagen „glatter“ Sound, etwas geordneteres Songwriting, bei komplexerer Harmonik. Das kreiert eine ganz andere Härte, die man von mir aus gar nicht an den ersten Sachen messen muss. Und das könnte vielleicht unsere Entwicklung in naher Zukunft ahnen lassen. Es steht bereits Musik für ein komplettes zweites Album, aber da muss und wird noch einiges passieren in unserem internen Prozess, also kann ich da trotzdem noch keine konkreten Prognosen machen. Auf einer übergeordneten Ebene ist nur klar, dass wir sowohl poppiger als auch technischer und radikaler werden, was die Individualität der Stücke angeht. Mit einfachsten Mitteln auf höchstem Niveau die eigentümlichste Musik kreieren ist, kurz gesagt, das Ziel für die nächste Platte. Und wir werden das Ergebnis garantiert immer noch als Black Metal verstehen, auch wenn wir damit alleine sind.

Dazwischen könnte allerdings auch noch eine 7″ EP oder sowas rutschen, auf der wir vielleicht einige Coversongs veröffentlichen wollen. Das passt nicht zu unseren regulären Album-Stücken, aber wir sehen S&L auch als Vehikel, um genrefremde Musik umzuinterpretieren, musikalisch wie textlich, wobei die Adaption schon an eigenes Songwriting grenzt. Da wird es sicher zwischendurch mehr zu hören geben. Wir sind absolut keine Fans von Coverplatten, aber es geht bei uns nicht um respektvolle Hommage, sondern um rein egoistische Einverleibung.

 

Sunshine & Lollipops (Veenus Christ)Inwiefern werden S&L und poppiger? Das klingt jetzt erst einmal spannend und reizvoll, doch wirklich etwas darunter vorzustellen fällt schwer.

Zugegeben ein schwammiger Begriff, der für mich eigentlich bloß ‚zugänglicher‘ bedeutet. Auf „Empty“ waren die meisten Songs relativ ausgeglichen in ihrer Komplexität, das wird vermutlich kein Kriterium mehr sein, so dass auch Platz ist für etwas simplere, traditionellere Strukturen. Die „Suomi Finland Perkele“ ist da für mich in vielerlei Hinsicht Vorbild. Das ist Black Metal, den keine Sau jemals so gespielt hat, mit geil direkten, total asozialen Texten, aber trotzdem auch voller Ohrwürmer. Guter „Pop“ in dem Sinne braucht nur ganz subtile Ideen, um trotzdem ausgefallen zu sein, das ist manchmal viel reizvoller als wahllos 25 Chaos-Riffs aneinanderzureihen. Was aber auf keinen Fall heißen soll, dass wir letzteres nicht mehr machen werden – es soll sich aber zunehmend die Waage halten. Stimmige, in sich geschlossene Konzeptalben mit einheitlicher Atmosphäre sind nichts für S&L, dazu haben wir keine Muße. Unser Stil soll sich irgendwelchen Hörern meinetwegen nach zehn Platten erschließen, wenn ich tot bin, vorher wollen wir vor allem uns selbst unterhalten, alles durcheinander ballern, und hoffen, dass gelegentlich was für irgendein Publikum abfällt. Soll heißen, unser ‚poppig‘ wird garantiert nie zu ‚kommerziell‘.

 

Interessant dass Du selbst auf „Suomi Finland Perkele“ zu sprechen kommst. Mir ist nämlich aufgefallen, dass es in dem Lied „Happiness Is A Mental Defect“ Parts gibt, die mich jedes Mal aufs Neue an „Total War – Winter War“ von eben „Suomi Finland Perkele“ erinnern. Ist da was dran oder spinne ich mir das nur zusammen?

Also vorsätzlich haben wir nie in so eine bestimmte Richtung komponiert. Das waren einfach ein sehr prägendes Album und Stück für mich, daher kann es natürlich sein, dass sich das bis heute unterbewusst im Songwriting niederschlägt. Und falls sich dadurch jemand an diesen Einfluss erinnert fühlt, nehme ich das auf jeden Fall als Kompliment.

 

Sunshine & LollipopsWelche Bands und Alben haben Dich und S&L ebenfalls geprägt? Die Einflüsse aus Thrash, Speed oder auch Heavy Metal sind allgegenwärtig, unter anderem musste ich etwa an Razor denken.

Also bewusste Einflüsse beschränken sich bei SUNSHINE & LOLLIPOPS eigentlich auf konzeptuelle Gesichtspunkte, wobei die Musik da natürlich auch teilweise reinspielt. Wie gesagt waren in der Hinsicht Impaled Nazarene eine große Inspiration, aber auch Carnivore und Type O Negative hatten für mich immer eine Art Sonderstatus, allein durch die plakativen Texte und den missverständlichen Humor. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch eine ungleich obskurere Band, die ich zu Lebzeiten schwer bewundert habe: Sons of Tarantula.

Rein musikalisch steht ganz klar norwegischer Black Metal im Vordergrund, die Klassiker, Mayhem, Darkthrone, Satyricon, Dødheimsgard, Ulver, Gorgoroth etc. Aber auch old-school-Kram. Z.B. Samael war meine erste sogenannte Black-Metal-Band und hat damals für mich schlagartig alles verändert. Davor jede Menge Thrash, Exodus, Vio-lence, Nuclear Assault, und natürlich lief das auch über Slayer, Megadeth und Co. Keine Ahnung, inwiefern das noch als Einfluss durchgeht, aber eine meiner ewigen Lieblingsbands ist Danzig, und meine sehr begrenzte jugendliche Gitarrenübephase bestand zu 90% aus John-Christ-Stoff. Der Rest war dann wahrscheinlich Chuck Schuldiner. Und als ganz Kleiner ging alles los mit Black Sabbath und Deep Purple, obwohl sich das nun wirklich nicht mehr hörbar bei S&L niederschlägt. Dazu mochte ich immer einiges an Punkrock. Weniger die modernen „harten“ Bands, Crust oder wie der ganze Mist heute heißt, sondern eher die Ursprünge, Dead Boys, New York Dolls, Stooges, aber auch Früh-80er-„Deutschpunk“.

Und um vielleicht doch noch was halbwegs Überraschendes und Interessantes preiszugeben: Ich bin großer Fan von richtig schwülstigem 80er-Poser-Rock. Nicht nur alte Mötley Crüe, Ozzy, GNR, sondern echt schäbiges Zeug wie Vain und Dangerous Toys. Diese ganze weltfremde Rockstar-Masche hat was, das mich fasziniert, und das sich sogar auf Black Metal projizieren ließe, nämlich das selbstdestruktive, entmenschlichende Element der Selbstdarstellung und des dargestellten Selbstverständnisses, über das man sich auch als Fan identifizieren möchte. Nur dass viele „Rocker“ eben tatsächlich alles ausleben wollten, während im Black Metal das Meiste leider nur Fassade geworden ist.

 

Bleeding Heart Nihilist Productions (Logo)Rein optisch inszeniert ihr euch aber auch, in einer Weise die für den Black Metal atypisch und deshalb auch gewagt ist. Ist dies eine gezielte Provokation um aufzuzeigen wie lächerlich der Black Metal inzwischen weitgehend geworden ist, oder steckt in dieser Selbstdarstellung vielleicht auch insgeheim eine latente Sehnsucht nach den guten alten 80ern?

Nein, auch unser Aufzug ist nicht gezielt parodistisch gemeint. Aber falls sich dadurch irgendjemand verarscht vorkommen sollte, ist das bestimmt auch verdient. Die 80er-Theorie trifft es schon eher. Tatsächlich sind unsere Photosessions immer sehr spontan, da wird überhaupt nicht viel geplant. Für die Bilder zu „Empty“ haben wir uns mit dem Künstler Binujamin, eigentlich professioneller Photojournalist in Nahost-Kriegsgebieten, zusammengetan, uns den ganzen Tag zugekippt, um dann irgendwie das Artwork für die Platte entstehen zu lassen. Damit, dass das Ergebnis vielen Leuten tatsächlich als so ausgefallen auffällt, haben wir gar nicht mal gerechnet. Aber damit sind wir natürlich auch nicht unglücklich.

 

Alex, Du bist nicht nur mit S&L unterwegs, mit Bleeding Heart Nihilist Productions und Bleeding Heart Nihilist Books mischst Du auch im Verlagswesen mit. Dass man als Musiker sein eigenes Label unterhält ist nicht ungewöhnlich, Bücher zu verlegen und zu verkaufen aber schon. Willst Du über Dein Unternehmertum etwas erzählen?

Also über das Musiklabel gibt’s nichts allzu Besonderes zu erzählen. Da verhält es sich wohl wie bei so vielen Musikern, die einmal zu viel Scheiße erlebt haben mit einem sogenannten professionellen Label. Ich habe Mitte 90er schon viel Tapetrading gemacht, was sich eigentlich echt nicht grundlegend von Indy-Label-Arbeit unterscheidet, nur dass etwas weniger Budget auf dem Spiel steht. Da lag ein Versuch mit eigener Plattenfirma einfach nahe, als mal eine eigene Aufnahme im Nachhinein verwertet werden sollte. Meine einzige ideelle Grundlage bei BHN Productions ist, dass ich nur nach persönlichem Geschmack möglichst eigensinnige Bands auswähle, und versuche zu helfen, diese tatsächlich aufzubauen, anstatt nur die Bank zu spielen.

Die Erweiterung zu einem Buchverlag war dann doch eher Neuland. Mein Interesse an Literatur geht fast genauso weit zurück, wie das an Musik, daher gab es auch diese Idee seit Längerem, sie wurde dann mit Labelgründung automatisch konkreter. Das war zunächst natürlich auch ein Versuch, etwas breiter aufgestellt zu sein, weil es heutzutage fast unmöglich ist, sich allein mit Nischen-Tonträgern nicht sofort komplett zu ruinieren. Im Verlagswesen wird sich im Zuge der Digitalisierung zwar sogar in noch größerem Stil selbst bemitleidet als in der Musikbranche, aber meiner Ansicht nach hat man da als Einzelunternehmen immer noch Chancen, etwas Interessantes aufzubauen. Was man vermissen kann, ist eine Art Szene wie im Metal, die sich gegenseitig unterstützt, aber ich arbeite da ja auch nicht mit Genre-Literatur, was den Vergleich eigentlich hinfällig macht. Mein Ziel ist es, die gängigen Regeln ein bisschen aufzubrechen, und wirklich etwas Unabhängiges zu machen. Ich möchte auch Leute ansprechen, die keinen akademischen Hintergrund mitbringen, und sich vielleicht überhaupt nicht für klassische Literatur interessieren. Ich möchte Lyrik und Prosa veröffentlichen, die radikal ist und jenseits von „Poetry-Slams“ und Wegwerf-Selbstdarsteller-Gewichse entsteht. Ich will Leute belohnen können, die sich nicht an der ätzenden zeitgenössischen Literatur orientieren, wo, wenn’s mal wirklich wild wird, maximal irgendwelche spießigen Yuppies von Berghain-Exzessen träumen. Mein Vorbild sind Underground-Kleinstverlage, wie sie im Amerika der Nachkriegszeit bis in die 70er Jahre entstanden und eine komplett neue Literaturszene begründeten, von der sogenannten Lost Generation von Exilamis bis zu den Beats. In Deutschland war währenddessen alles furchtbar verkopft und für die Unterschicht unzugänglich. Nichts gegen die Gruppe 47, aber in so angeblich elitärem Kreis bringt man auf Dauer nichts Neues, nichts Lebendiges mehr zustande.

Wie man Musik halbwegs professionell selbst aufnimmt und irgendwie an die Öffentlichkeit bringt, weiß heutzutage ja fast jeder Teenager – wie man als angehender Schriftsteller irgendwas anstellen soll, weiß fast niemand. Da will ich als Amateur ansetzen. Leider bin ich rein aus Zeitgründen noch nicht dazu gekommen, ein repräsentatives Programm aufzuziehen, aber dieses Jahr sind einige Veröffentlichungen geplant, wie eine erstveröffentlichte englischsprachige Gedichtsammlung eines „eigenen“ Autors, eine fast abgeschlossene Hörbuch-Produktion, sowie ein Print-Magazin für Underground-Literatur. BHN Books hat zwar trotz des gleichen Namens generell keinen Musikbezug, aber ich arbeite zur Zeit auch an einer offiziellen Übersetzung der Autobiographie von Jimmy Carl Black, Schlagzeuger der legendären Frank-Zappa-Band Mothers of Invention. Das kann allerdings noch etwas dauern, fürchte ich.

 

Sunshine & LollipopsGanz schön viel Anspruch und Idealismus der Deiner Arbeit zugrunde liegt. In einem anderen Interview sagtest Du kürzlich, Du wärst „paradoxerweise der letzte Mensch, dem Vinyl relativ scheißegal“ ist. Wie kommt es? Das Vinyl ist seit Jahren wieder stark im Kommen und mit Deinem Label bringst Du ja auch die eine oder andere Vinyl-Veröffentlichung heraus.

Ich hab nichts gegen Vinyl, auch nichts dagegen, dass Vinyl wieder gefragt ist. Aber mich nervt der künstliche Hype, der im Endeffekt in beschissenen Bedingungen für alle mündet, nämlich endlose Produktionszeiten, bei denen generell immer die unabhängigen kleinen Produktionen hinten angestellt werden, hohe Herstellungskosten und absurde Endpreise für Fans – falls man gewisse Konsumenten noch so nennen will, die jeden Preis mitzahlen und Schallplatten dabei nicht mal abspielen, sondern mehr am Sammlerwert als an Musik interessiert sind. Am bescheuerten „Recordstore-Day“ wurde ich neulich total besoffen vom RBB auf ein Statement angehauen, weil ich bei irgendeinem Konzert eines beteiligten Plattenladens rumgestürzt bin, aber das hätten die niemals senden können. Diese Veranstaltung ist die totale Heuchelei.

Im Zweifelsfall kaufe ich selbst lieber Platten als CDs, falls der Preis angemessen ist. Ich versuche meine eigenen Vinyl-Produktionen deshalb je nach Umfang maximal zwei, drei Euro teurer zu halten als die wesentlich günstigere CD-Version, aber das wird leider langsam schwierig. Das Interview-Zitat bezog sich auf die Verhältnismäßigkeit: Viele meiner persönlichen Klassiker kamen ursprünglich nur auf CD raus und das hat der Erfahrung keinen Abbruch getan. Man muss schon auf Tonmeister geschulte Ohren haben, um da ernsthaft Interesse am Klang anzumelden, und praktisch kann man die Dinger in Format und Gewicht wohl kaum nennen, dazu hab ich massenhaft CDs, die Jahre älter sind als Leute, die mir gerne mal die Vorteile von Vinylhaltbarkeit auftischen. Daher hab ich kein Verständnis für diesen übertriebenen Vinyl-Fetisch. Was mir wiederum rein als Fan total widerstrebt, sind Streaming und Downloads. Da fehlt einfach die Einheit aller Songs in Reihenfolge und die visuelle Komponente, egal ob das alles theoretisch zur Verfügung steht. Mein zurückgebliebener Idealismus schreit halt nach physischen Medien, ob Vinyl oder CD oder 8-Track oder sonst was ist dabei erst mal egal. Natürlich ist in der Hinsicht das Vinyl-Comeback grundsätzlich erst mal etwas Gutes, das hatte ich vielleicht etwas missverständlich rübergebracht.

 

Gibt es ein besonderes Album, welches Du liebend gerne einmal über BHN Productions veröffentlichen würdest, wenn Du könntest?

Wenn ich jetzt nicht schon ellenlang scheinheilig meine noblen Prinzipien raushängen lassen hätte, würde ich natürlich als erstes an irgendwelche kommerziellen Selbstläufer denken. Und irgendwie fänd‘ ich’s auch tatsächlich cool, irgendeine total unpassende Pop-Tussi auf BHN rauszubringen, allein um der Verwirrung willen. So was 60er-schlagerhaftes ohne offensichtlichen Retrokitsch. Also nur echten Kitsch. Genau: Ein Traum wäre es, ohne Quatsch, eine neue LP von Peggy March rauszubringen, die ich komplett selber komponieren darf. Oder auch France Gall. Wir haben mit S&L ja auch schon Lesley Gore gecovert, die dann prompt verreckt ist. Diese Musik war teilweise grandios.

Als realistische Option fällt mir spontan nur Yellow Discipline ein. Das ist ein Projekt von einem Unbekannten, der gerüchteweise gerade im Gefängnis sitzt und deshalb komplett von der Bildfläche verschwunden ist. Der hat zwei geniale Alben gemacht, musikalisch nicht so leicht einzuordnen, von denen ich zum Glück ein paar zum Vertrieb ergattern konnte. Und ich brenne auf ein drittes. Eins dieser Projekte, wo man absolut nicht weiß, was Ernst ist und was Humor, oder ob man es mit einem waschechten Serienmörder zu tun hat. Okay, vielleicht auch das einzige Projekt dieser Art. Ich find’s jedenfalls geil und würde ihm zu gerne bei BHN ein herzliches künstlerisches Zuhause bieten, auch wenn ich dann vermutlich ständig auf dem Index lande.

 

Sunshine & Lollipops (Alex Ithymia)Wer ist eigentlich Klara?

Das ist nicht mehr und nicht weniger als phonetische Transkription des Namens meiner engsten Vertrauten im Spirituosenregal, der Königin des Korns. Einem so melancholischen Akustikstück wie „Für Klara“ wird doch kein menschliches Wesen gerecht.

 

Alex, ich danke Dir für Deine offenen Antworten und Einblicke, die überraschend und unterhaltsam waren. Ich muss mal schauen ob ich irgendwo etwas von Peggy March oder Yello Discipline auftreiben kann, Du hast mich verdammt neugierig gemacht. Wenn es bei meinen Interviews so etwas wie eine Art der Tradition geben sollte, dann die, meinem Gesprächspartner das letzte Wort zu erteilen, was ich hiermit mache.

Vielen Dank für’s Interesse und ein unverblümtes Gespräch! Vielleicht darf ich mit dem Zitat eines klugen Menschen schließen, das eigentlich alles zu S&L sagt:

„Wer unter Metallern zu leben hat, darf keine Individualität unbedingt verwerfen; auch nicht die schlechteste, erbärmlichste oder lächerlichste. Er hat sie vielmehr zu nehmen als ein Unabänderliches, welches, infolge eines ewigen und metaphysischen Prinzips, so sein muss, wie es ist, und in den argen Fällen soll er denken: ‚Es muss auch solche Käuze geben‘. Hält er es anders, so tut er unrecht und fordert den andern heraus, zum Kriege auf Tod und Leben.“

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