Interview: Cruda Sorte

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Hateful Metal: Grüß Dich, Nathanael! Mit dem kürzlich erschienen „Nekrolog“ schließt sich eine Trilogie, die ihr 2014 mit „Innozenz“ begonnen habt. Was hat es damit auf sich?

Nathanael: Sei ebenfalls gegrüßt.
Und besten Dank für die gar nicht so einfach zu beantwortende Frage, Stand jetzt, bist Du – abseits der Eingeweihten – der erste, der die direkte Verbindung entdeckt bzw. erwähnt hat.

Es ist richtig, dass es sich mit „Innozenz“, „Tollwutkult“ und „Nekrolog“ um eine Trilogie handelt, die allerdings mehr von der inhaltlichen als musikalischen Seite miteinander verwoben ist – und auch dort eher grob. Beim Schreiben von „Innozenz“ war das noch nicht mal geplant. Es kristallisierte sich viel mehr erst heraus, als ich erste Ideen zu „Tollwutkult“ aufgeschrieben habe, die nun teilweise inhaltlich ans Album anknüpften.

Inhaltlich symbolisiert „Innozenz“ die Abkehr vom christlichen Glauben und die Hinwendung zum Okkulten, durchaus mit chaos-gnostischen Querverweisen, zu den Zeiten der Inquisition. Um dem Klischee treu zu bleiben, erfolgt die Vernichtung auf dem Scheiterhaufen. Die Vernichtung der Hülle hat jedoch nicht die Ideen und offen gelegten Ansichten zerstört – wo wir bei „Tollwutkult“ wären. Diese Ideen sowie der ins Antichristliche pervertierte Märtyrer auf dem Scheiterhaufen dienen als Grundlage für die ‚Verpestung‘ der Christenheit. Eine zeitliche Beschränkung auf das Mittelalter oder die Frühe Neuzeit war hier aber nicht mehr intendiert. „Nekrolog“ befasst sich abschließend fokussierter und weniger rasend mit dem Tod, Gott und der Ewigkeit. Inhaltlich knüpft es nur lose an die ersten beiden Teile an, eben als Nachruf, und kann daher auch für sich alleine stehen.

Grundsätzlich werden also ‚traditionelle‘ Themen des extremeren Metals behandelt, die jedoch allesamt für Cruda Sorte Neuland waren. Zudem ist M.v.V. und mir unabhängig voneinander aufgefallen, dass man die Texte von der „Innozenz“ auch anders deuten kann. Die unbeabsichtigte Vielschichtigkeit macht diese Trilogie für mich persönlich noch etwas spezieller.

 

Cruda Sorte (Band)Ich persönlich finde Mehrdeutigkeit immer gut, da es [von dem Hörer] eine Auseinandersetzung abverlangt und deshalb meine Frage: Was genau darf ich mir unter dem Begriff ‚Chaos-Gnostik‘ vorstellen?

Nun, ich will vorab sagen, dass ich selbst kein praktizierender Chaos-Gnostiker oder Satanist bin und mein Wissen darüber doch recht beschränkt sein dürfte. Einige Künstler repräsentier(t)en aber teilweise oder gar komplett diese Ideen: zum Beispiel Dissection, The Devil’s Blood oder Watain. Gruppen, die mir extrem viel bedeuten, die mich unheimlich in meiner eigenen Sicht auf die Welt voran gebracht haben.

Im Zentrum steht die Verehrung des allumfassenden Nichts bzw. dem Chaos, einem Konzept grenzenloser Freiheit, in welchem sämtliche durch ‚Gott‘ geschaffenen physikalischen Regeln und Gesetze (der Materie) überwunden wurden. Selim Lemouchi hat es mit einer Textzeile in ‚I was promised a hunt‘ treffend auf den Punkt gebracht (und es dann ja leider auch ausgeführt): „I want nothing and in return give all!“

Ich bin wahrscheinlich nicht der spirituellste Mensch, aber diese Ideen zum Tod und dem ‚Dahinter‘ haben mich gewissermaßen gefesselt und unterbewusst den Schaffensprozess – vor allem von „Innozenz“ – beeinflusst. Es bleibt aber bei den erwähnten Querverweisen.

 

Euer Bezug zur Chaos-Gnostik ist nicht unbedingt offensichtlich, wobei es im Booklet von „Innozenz“ tatsächlich Indizien dafür gibt. Die Liednamen der letzten Veröffentlichungen sind immer auf Latein, was sicherlich zum geheimnisvollen Wesen von Cruda Sorte beiträgt, zumal den Kassetten auch keine Texte beiliegen. Steckt da eine Absicht hinter oder ist es einfach dem Traditionsbewusstsein geschuldet, lateinische Liednamen zu verwenden – dem begegnet man im (okkulten und mystischen) Black Metal ja immer wieder?

Zunächst mal müsste ich da etwas korrigieren: Die Texte sind zwar bei „Innozenz“ und „Tollwutkult“ nicht Teil der Kassetten, aber dennoch bei unserer Bandcamp-Seite abrufbar. Ich würde zwar bei einer Kassettenlauschung nicht unbedingt den Laptop zum Textstudium nutzen wollen, aber dort findet man sie. Vielleicht berücksichtigen wir sie mal für eine neue Auflage der beiden Veröffentlichungen.

Und ja, es ist sicherlich nicht die innovativste und frischste Idee, die Liednamen in Latein zu halten, aber wir wollten auch nie innovativ oder frisch sein. Gerade bei „Innozenz“ hat sich das ja auch wunderbar angeboten, da es viel mit christlicher Symbolik spielt und unmittelbar im Mittelalter anzusiedeln ist. Was wäre da passender als Latein? Natürlich war die von Dir angesprochene Mystik durchaus gewollt, aber auch die dadurch entstehende Möglichkeit, die Titel geradlinig zu benennen. Als sich das Konzept dann auf die folgende Veröffentlichungen erweiterte, bestand an der Fortführung dieser Idee kein Zweifel.

 

Cruda Sorte - NekrologWas bedeutet eigentlich euer Bandname Cruda Sorte?

Cruda Sorte ist italienisch und bedeutet in etwa „Grausames Schicksal“. Es entstammt der Opernarie „Lascia ch’io pianga“ von Georg Friedrich Händel, ohne unsererseits dazu inhaltlich oder musikalisch in Bezug zu stehen. Ich wählte den Namen aus, weil er gut klang und vor dem anfänglichen DSBM-Hintergrund irgendwie Sinn machte. Daher im übrigen auch die Bezeichnungen für das erste und das daran anfügende zweite Demo.


„Grausames Schicksal – Kapitel 1“ erschien 2006, ein Jahr später folgte „Kapitel 2“ und dann sechs lange Jahre nichts, ehe dann 2013 das Splitalbum mit Veineliis kam. Woher rührte die Pause und wie ist die stilistische Veränderung zwischen dem Split und den beiden Demos zu erklären?

Nun, das ist wahrscheinlich am Ende gar nicht so spannend, wie es eine solch lange Pause vermuten lässt: kurz nach den Aufnahmen zu Kapitel 2 haben Ohyra und ich die Arbeit an zwei neuen Liedern begonnen, die als Split-Material mit Vrångbild – angedacht waren – wobei Tillmann glaube ich nichts von seinem Glück wusste, he he. Allerdings entwickelten sich unsere Vorstellungen des weiteren musikalischen Werdegangs sowie inhaltlichen Ansichten recht weit auseinander, sodass wir im Mai 2007 getrennte Wege gingen. Aus diversen privaten Gründen sowie meiner eigenen Unfähigkeit, Schlagzeug zu spielen oder es wenigstens zu programmieren, blieb Cruda Sorte quasi tot.

Auch, wenn um 2009/2010 einige spontane Proben mit Ohyra stattfanden, wurde Cruda Sorte erst Ende 2011 reaktiviert, als M.v.V. seine Bereitschaft zur Aushilfe signalisierte. Ursprünglich war angedacht, das fertige – wenn auch gereifte und erweiterte – 2007er Material adäquat aufzunehmen, zu veröffentlichen und Cruda Sorte dann endgültig zu beerdigen. Nun, es funktionierte erstaunlich gut und schnell war klar, dass wir beide das Projekt weiterhin als Ausgleich in unserem Leben behalten wollten – und ich denke, die Entscheidung war nicht unsere schlechteste.

Da sich mein persönlicher Geschmack über die Jahre gewandelt hat und sich M.v.V. auch kreativ einbringt, ist die musikalische Veränderung auch ganz natürlich zu erklären. Hinzu kommt sicherlich auch die musikalische Verbesserung am Instrument und das Bedürfnis, keinen (mittlerweile absolut verbrauchten) DSBM zu kreieren.

 

Ja, eine EntwicCruda Sorte - Nekrolog (Tape)klung macht sich gerade auch am neuen Album „Nekrolog“ stark bemerkbar. Ich finde, es ist ein extrem gelungenes Album, doch bevor wir näher auf die Veränderungen eingehen, wie zufrieden seid ihr mit „Nekrolog“?

Vielen Dank! Die bisherigen Rückmeldungen zeigen, dass wir vieles anders, aber auch nicht wenig falsch gemacht haben! Wir sind selbst äußerst zufrieden mit dem Album. Es stellt einen rundum gelungenen Schlusspunkt der Trilogie dar. Und sogar überhaupt: sollte dies das letzte Lebenszeichen von Cruda Sorte sein, wäre das für mich in Ordnung, da ich mir nur schwer vorstellen kann, in dieser Spielart der Musik noch einmal etwas – zumindest in meinen Ohren – Besseres zu kreieren. (Oh, ich merke gerade, dass ich wie jeder klinge, der gerade was Neues veröffentlicht hat…)

 

Wenn ich „Nekrolog“ mit all seinen Vorgängern vergleiche, fällt sofort der veränderte und wesentlich verbesserte Klang auf. Habt ihr einfach keinen Bock mehr auf den rohen und giftigen Rumpelklang gehabt oder steckt mehr dahinter? Ich kann mir gut vorstellen, dass der eine oder andere ziemlich überrascht sein dürfte.

Ich kann Dir da nur uneingeschränkt recht geben. Der Klang ist tatsächlich anders und besser – wenngleich das ja auch gern im Auge des Betrachters liegt. Es war aber wirklich auch intendiert gewesen, da wir mit diesem Album einen organischen, warmen Klang erzeugen wollten.

Lass mich hier erneut ein wenig ausholen:
Mit „Tollwutkult“ realisierten wir gewissermaßen die Idee, ein kleines Demo bzw. eine EP in kurzer Zeit zu komponieren und aufzunehmen. Die Rohheit, die Spielfehler und der Klang sind dort mit Absicht unverändert geblieben, gehörten sogar gewissermaßen zum Konzept, he he. Wahrscheinlich hätte man aus den Liedern noch sehr viel mehr rausholen können, aber wir wollten die Spontanität der Proben einfangen und nahmen daher das Material an einem Abend auf, mischten es ohne viel technisches Zutun ab und veröffentlichten es in mono.

Bei “Nekrolog” merkten wir allerdings von Beginn, dass das Material spezieller wurde und wir mit neuen Einflüssen experimentierten. Es war einfach ein extrem wichtiges Projekt für uns, wo wir das beste schaffen wollten, was unsere Fähigkeiten hergaben. Wir hatten konkrete Vorstellungen von der Art, wie die Band klingen sollte und wie wir all das aufnahmetechnisch realisieren könnten. Daher nahmen wir uns für alles sehr viel Zeit, haben für die Aufnahmen über vier Monate benötigt, was für uns absolut unüblich ist. Es war also gewissemaßen das Gegenteil der Aufnahmen vom Vorgänger. Hinzu kommt natürlich der veränderte musikalische Ansatz, da ich “Nekrolog” nicht unbedingt als lupenreinen Black Metal einordnen würde.


Cruda Sorte - Innozenz„Nekrolog“ ist aber nicht nur klanglich besser ausgefallen, das Album macht auf mich auch den ausgereiftesten und anspruchsvollsten Eindruck. „Nekrolog“ hat tolle melodische und atmosphärische Momente aber auch eine bohrende Härte und drückende Dunkelheit.
Du hast es gerade selbst angesprochen dass „Nekrolog“ aus dem Black Metal ausbricht und sich an anderen Stilen orientiert. Teilweise wirken die schleppenden Parts regelrecht doomig. In dem Lied „Necrologia“ gibt es sogar eine Keyboardpassage, die sehr majestätisch und sinfonisch anmutet. Mir gefällt das Lied überaus gut, doch wie kam es zu dieser drastischen Maßnahme? Immerhin ist es ein Novum und gemeinsam mit dem verbesserten Klang ein weiterer Aspekt, der treue Hörer verschrecken könnte.

Danke Dir vielmals! Und ja, ich muss Dir auch hier recht geben: wir haben nicht nur in die Aufnahmen, sondern auch in das Komponieren sehr viel Zeit und Energie gesteckt. Es war auch von Beginn an klar, dass wir nach solch eher rasenden Ausbrüchen, wie „Innozenz“ oder „Tollwutkult“, musikalisch andere Wege beschreiten wollten. Das macht auch inhaltlich Sinn, da „Nekrolog“ wie erwähnt der nachdenkliche, nach innen gekehrte Abschluss dieser Reise ist. Der Einfluss aus dem Doom Metal ist hier sicherlich nicht von der Hand zu weisen, denn gerade The Gault – eine meiner Meinung nach sträflichst unterbewertete Band – übt seit Jahren eine immense Faszination auf mich aus. Die Band stand vielleicht nicht musikalisch Pate für „Nekrolog“, wohl aber die auf dem (leider einzigen) Album „Even As All Before Us“ versprühte Atmosphäre.

Durch den konzeptionellen Rahmen war es auch nur folgerichtig, die Dunkelheit gewissermaßen zu vertonen, pathetisch gesprochen. Es war uns immens wichtig, dass die Musik keinen fröhlichen Charakter versprüht sondern die inhaltlichen Gedanken zu dem Ende des Lebens und der Zeit einfängt. Auch eher langsam, tückisch, als rasend und erschlagend. Den Terminus „bohrende Härte“ finde ich daher absolut treffend!

Die entsprechende Synth-Passage bei „Necrologia“ war indes nicht geplant, sondern eine Idee während der Aufnahme-Sessions, da meine ausgearbeiteten Gitarren-Linien atmosphärisch nicht passten bzw. greifen wollten. Wir probierten es aus und waren von dem Ergebnis gleichermaßen fasziniert und begeistert – allerdings auch etwas überrascht, da es wirklich sehr ungewöhnlich für Cruda Sorte klingt. Sei’s drum, wenn der treue Hörer mit dieser Passage oder der gesamten musikalischen Marschrichtung von „Nekrolog“ nichts anfangen kann, dann ist das sein gutes Recht. Ich tu’ mich ja selbst schwer, neuen Bands oder neuen Einflüssen etablierter Bands eine Chance zu geben, also wer bin ich, dass bei Cruda Sorte einzufordern?

Ärgerlich ist vielleicht, dass manch einer beim Hören von „Dictatura“ ausschaltet, weil es zu langweilig oder eindimensional erscheint – die nach meinem Empfinden merkliche und intensive Steigerung ist dann natürlich nicht wahrnehmbar. Aber auch hier sind wir eine recht unbekannte, kleine Band, wo sich bei der ganzen Flut an neuen Bands und Veröffentlichungen nur wenige die Mühe machen, das zu ergründen.


Cruda Sorte / Veineliis – Nature Of Suffering (Tape)Du sagst es, in der heutigen schnellen, digitalen Konsumgesellschaft ist der nächste mp3-Download nicht weit. Aufmerksamkeit ist offenbar Luxus geworden oder in Vergessenheit geraten. Diese traurige Gewissheit führt mich wunderbar zur nächsten Frage: Neu sind nicht nur die musikalischen Veränderungen sondern auch die Wahl des Formats. Nachdem es bisher ausschließlich Kassetten gab, ist mit „Nekrolog“ erstmals auch eine CD-Version zu haben. Wie kam es dazu und was bedeutet das Format der Kassette für euch, welches dem Hörer in gewisser Weise ja Zeit und Aufmerksamkeit mitzubringen aufzwingt?

Nun, wir sind generell Freunde der analogen Audio-Darbietung. Die Kassette ist zudem auch noch irgendwie sehr im Untergrund verhaftet. Manch einer kann ja aufgrund mangelndem Equipment nicht mal mehr Tapes hören. Da ist es natürlich schon ein gewisser Kontrapunkt zu der von Dir angesprochenen digitalen Konsumgesellschaft. Ich habe das Medium gerade in den letzten drei bis vier Jahren sehr zu schätzen gelernt und als – nach der schon sehr ernüchternden Suche für die Split – erneut kein Vertrieb / Label für „Innozenz“ gefunden werden konnte, haben wir kurzerhand Eternal Rabies Kult gegründet und uns diesem Medium verschrieben. Es hatte schon nostalgische, aber auch finanzielle Gründe, da eine Tape-Auflage recht unkompliziert und im Verhältnis zu Vinyl oder CD günstig realisierbar ist.

Trotz unserer Zuneigung zum analogen Klang hatten wir eigentlich niemals geplant gehabt, “nur” eine Kassettenband zu sein. Eine CD hätte wir seit jeher gern gesehen und dank NKK und Narbentage ist das jetzt auch möglich. Ich würde zudem lügen, wenn ich nicht auch in Betracht gezogen hätte, mit diesem Medium mehr Hörer zu erreichen.


Eternal Rabies Kult logoAuf Eternal Rabies Kult wollte ich eh noch zu sprechen kommen, nun hast Du meine Frage bereits unwissentlich vorab beantwortet! Wenn es von Cruda Sorte vor allem Kassetten gibt und auch eure Musik nicht alltäglich und massenkompatibel ist, dann sollten die ‚wenigen‘ Hörer die ihr habt doch genau die Richtigen sein? Ich meine, ist es als Band nicht erstrebenswert, Hörer zu erreichen und treue Anhänger zu generieren, welche die dargebotene Musik aufrichtig zu schätzen wissen? Ich finde jedenfalls Black Metal (aber Musik generell) mit Ecken und Kanten wesentlich interessanter und aufregender als das Gros der bekannten und etablierten Gruppen, die andauernd langweiliges Opium fürs Volk produzieren.

Klar, absolut! Uns ist es tausend Mal lieber, dass die Musik die Hörer erreicht, die sich mit der Band, den Inhalten und / oder der Musik identifizieren können und darin regelrecht aufgehen – wie’s uns ja selbst bei einigen Gruppen geht. Das sollte eigentlich ja auch Ziel jeder Musik sein, wenn man zur Weltenflucht des Hörers beiträgt. Andererseits bieten wir ja teilweise schon den Download auf der Bandcampseite an, der beim Kauf der Kassette inkludiert ist. Insofern sind wir hier gar nicht mehr so strikt. Das ist gewissermaßen auch als Zugeständnis zu betrachten, da wir mit ERK leider auch in Grundzügen ökonomisch arbeiten müssen (und Du kannst mir glauben, dass wir da schon sehr viel Verluste machen). Wenn man dann noch Rückmeldungen erhält, dass „Innozenz“ oder „Tollwutkult“ sehr gut sind, aber leider keine Tapedecks mehr existieren, dann ist die CD oder der Download die einzige Möglichkeit.

Daher hat sich durch die Zusammenarbeit mit Narbentage und NKK die CD-Version für “Nekrolog” ermöglichen lassen, wohingegen die Tape-Version wiederum bei ERK erschienen ist.


Crudas Sorte - Kapitel 2Apropos musikalische Weltenflucht. Gibt es denn zurzeit noch andere Projekte mit denen Du dich austobst? Misanthropic Path und Withered sind ja Geschichte soweit ich weiß und die Soloprojekte Veineliis und Schlaflos von M.v.V. fallen auch nicht gerade durch erhöhte Aktivität auf. Anscheinend konzentriert ihr eure musikalische Schaffenskraft gänzlich auf Cruda Sorte.

Es stimmt, nach meinen Informationen ist für Veineliis und Schlaflos erst mal nichts geplant, was nicht heißt, dass die Projekte Geschichte sind, aber wenn dort etwas passieren sollte, dann nicht in der nächsten Zeit. Path ist hingegen ja seit fast zehn Jahren begraben und auch bei Withered wird sich nichts mehr tun. Allerding haben wir mit ERK frisch das zweite Demo von Withered auf Tape veröffentlicht.

Es stimmt aber schon, dass Cruda Sorte von diesen Projekten das letzte wirklich aktive ist. Es sind auch einige neue Ideen bei uns vorhanden, auch für Cruda Sorte, aber da müssen wir schauen, ob und wann das spruchreif ist. Wie bereits angedeutet, hat „Nekrolog“ ziemlich viel Konzentration von uns abverlangt, um es so hinzubekommen, wie es nun veröffentlicht wurde. Unsere Zeit ist zudem recht knapp bemessen, weswegen andere Projekte unrealistisch waren, jetzt aber auch ein wenig Aufmerksamkeit einfordern. Persönlich kann ich sagen, dass ich mich nach dem Abschluss dieser Reise, kreativ recht befreit fühle und Lust auf verschiedene Dinge habe. Was es nun wird, kann ich nicht sagen, aber ich brenne weiterhin darauf, Musik zu schaffen und zu veröffentlichen. Wann das geschieht, ob’s noch Cruda Sorte ist und ob es überhaupt jemanden interessiert, wird man dann sehen (müssen).


Du hast es bereits mehrfach angedeutet dass sich Dinge entwickeln und verändern, dass man sich nach dem Abschluss einer langen Arbeit befreit fühlt und Lust auf Neues hat.

Der Black Metal hat sich seit seinen Anfängen stetig entwickelt und verändert. Es gab besondere Trends wie den Depressie Black Metal, den Atmospheric Black Metal oder den progressiven Black Metal. Du scheinst dem Doom nicht gänzlich abgeneigt, könntest Du Dir vorstellen, eines Tages dem Black Metal den Rücken zu zukehren und Dich musikalisch anderweitig zu verwirklichen oder wird er immer ein Teil Deines Herzen und Deiner Seele bleiben? Ich frage, weil ich bei mir selbst immer häufiger spüre, wie wenig ich mit den vielen aktuellen Bands, mit deren Stilistik und Selbstverständnis, anfangen kann. Immer öfter sehne ich mich an die Tage zurück, wo Black Metal noch einen schlechten Klang haben durfte und dreckig und primitiv war. Das gibt es heute natürlich auch noch, aber dennoch hat sich vieles verändert, wie empfindest Du dies?

Cruda Sorte - TollwutkultHm, das ist schwierig zu beantworten, wenn man nicht gleich pathetisch werden will, he he, aber ich versuche es mal:
Ich finde es eigentlich ziemlich gut, wenn es Entwicklungen in der Musik gibt und auch andere Einflüsse Einzug erhalten. Dadurch haben sich ja doch recht gute Bands entwickelt, wie zum Beispiel The Ruins of Beverast oder auch, etwas kleiner, Animo Aeger. Solche Resultate will ich da eigentlich nicht missen und da bin ich für den Fortschritt und „fremde“ Einflüsse absolut dankbar. Andererseits habe ich mit manchen neueren Bands ziemliche Probleme, gerade mit Blick über den großen Teich. Ich mag zwar Wolves in the Throne Room recht gern, habe aber mit Liturgy, Deafheaven oder – auch hierzulande – Der Weg einer Freiheit meine Probleme. Ich verstehe die Intention dahinter schon und verurteile den Ansatz auch nicht, nur, wird da meiner Meinung nach versucht, Dinge zusammenzubringen, die zusammen nicht funktionieren. Da finde ich den Ansatz mancher Crust-Bands vielversprechender und sogar ursprünglicher, da dort sehr viel mehr Underground, Dreck und Rumpeligkeit vorhanden sind.

Ich brauche aber auch keine wieder aufgewärmten 1990er BM-Scheiben eingespielt von irgendwelchen Darkthrone-Kopien mit anderem Namen. Und da wird es dann halt doch recht schwierig, mal ein paar spannende Dinge zu finden. Klar, wenn man sucht und hört, gibt es immer noch Perlen, wie aktuell Sortilegia oder die Neue von Macabre Omen, aber das erfordert Geduld, Zeit und manchmal auch gute Nerven. Alles Dinge, die ich nicht habe, wenn ich meine Freizeit und mein Herzblut in ERK bzw. eigene Musik investiere und tausendmal lieber alte Vrångbild-Demos oder unveröffentlichtes Material von Tillmann höre.

Ob ich aber dem Black Metal den Rücken kehre? Für Cruda Sorte will ich das nicht ausschließen. Wie schon festgestellt, ist „Nekrolog“ ja nun wirklich keine Verneigung vor der reinen Lehre des Black Metals. Ich glaube, wir würden uns eher weiter vom Black Metal entfernen, als das wir musikalisch zu „Kapitel 2“ oder „Tollwutkult“ zurückkehren. Ich persönlich werde jedoch immer dieser Musik verbunden sein. Ich habe schon oftmals in anderen Bereichen „gegrast“, die Scheuklappen abgelegt und dort auch tolle Sachen entdeckt, bin jedoch immer beim Black Metal gelandet und glaube mir, weit über zwei Drittel meiner Platten bestehen aus Black Metal oder verwandten Spielarten. Nein, die Faszination dafür ist nicht erloschen.

https://crudasorte.bandcamp.com/
http://e-r-kult.de/

1 Gedanke zu “Interview: Cruda Sorte

  1. Hi!

    Selten solch ein tolles Interview gelesen, klasse!
    Macht weiter so, ich bin begeistert von Nekrolog.
    Da MUSS einfach noch mehr von euch kommen, Experimente, immer her damit ;-)

    Grüße

    Magnus

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