Interview: Animo Aeger

Animo Aeger (Logo)

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Hateful Metal: Grüß Dich Gråsjäl, vorab möchte ich Dir zum kürzlich erschienen, dritten Album „Storchenwahrheit,- wirklichkeit“ gratulieren. Mir gefällt das Album sehr gut, aber wie zufrieden bist Du mit dem Resultat?

Gråsjäl: In Anbetracht der Tatsache, dass zwischen der Aufnahme des Albums und der Veröffentlichung runde fünf Jahre liegen, stehen wir dem Material inzwischen natürlich anders gegenüber, als noch kurz nach dem Einspielen.

Selbst wenn wir in der Zwischenzeit keine weiteren Veröffentlichungen vorzuweisen hatten, haben wir dennoch an neuem Liedgut gearbeitet, so dass wir gerade eher das Gefühl haben, in einer gewissen emotionalen Distanz zu der „Storchenwahrheit…“ zu stehen, die nun, im Jahre 2015, einfach nicht mehr wirklich repräsentativ für Animo Aeger ist. Allerdings muss ich hinzufügen, dass wir mit der Veröffentlichung an sich äusserst zufrieden sind.

Dass überhaupt eine solch lange Zeitspanne zwischen Aufnahme und Veröffentlichung liegt, hat unter Anderem auch persönliche Gründe, vor Allem aber hat die Suche nach einem geeigneten Label recht viel Zeit in Anspruch genommen. Mit ERK haben wir nun ein ausgesprochen tüchtiges und zuverlässiges Label gefunden, welches uns, neben der finanziellen Realisierung, auch jenen Teil der Arbeit abnimmt, der uns schwer fiele, nämlich das Anpreisen des Endprodukts.


Wie entstehen die Lieder? Du lebst in Schweden, Schlagzeuger Greis aber in Berlin, oder? Gibt es von ANIMO AEGER keine neueren Aufnahmen?

Animo Aeger - Storchenwahrheit, -wirklichkeit

Natürlich erschwert die lokale Distanz unser gemeinsames Schaffen. Die „Storchenwahrheit…“ ist das letzte Album, das wir zum großen Teil zusammen im Studio eingespielt haben, das war wenige Tage, bevor ich weggezogen bin. Die drei EPs die danach entstanden sind, sind von deutlich anderer Beschaffenheit, allein schon ob des, euphemistisch ausgedrückt, ungewöhnlichen Klanggewandes, welches seine Begründung in selbst-getätigten Aufnahmen und der Verwendung eines elektronischen Schlagzeuges (nicht zu verwechseln mit einem Drumcomputer) findet. Meist hatte ich die grobe Songstruktur vor entsprechenden kurzen Aufenthalten in Deutschland entworfen, während derer wir dann versuchten, die Lieder in der knappen verfügbaren Zeit einzuüben, und zumindest schon das Schlagzeug aufzunehmen. Der Aufnahme der restlichen Instrumente und des Gesangs habe ich mich dann wieder zuhause angenommen, woraus auch resultierte, dass die Instrumentalisierung mit einem anderen Charakter aufwartet, als noch die „Storchenwahrheit…“ und die „Fieber“.

Alles ein wenig verspielter, komplexer, könnte man sagen, mitunter gar seicht. Keine der EPs wird als vollwertiger Tonträger erscheinen, dafür ist der Sound zu scheiße. Viel eher sind sie als musikalische Exkurse zu bezeichnen, die vermutlich in einer streng limitierten Tape-Auflage mit Demo-Charme herauskommen oder zum kostenlosen Download auf unserer BandCamp-Seite zu Verfügung stehen werden. Für den Februar 2014 hatten wir eigentlich die Aufnahme des neuen Albums im Berliner „Hidden Planet“-Studio anberaumt, uns allerdings aufgrund anderweitig belegter Kapazitäten, sprich Geld- und Zeitmangel, dafür entschieden, das Vorhaben um ein Jahr zu verschieben.

ERK ist ja ein noch kleines sowie junges Label. Ich kann mir nur sehr, sehr schwer vorstellen, dass es so schwierig sein soll, einen geeigneten Partner für ANIMO AEGER zu finden. Woran lag es Deiner Meinung nach?

Bei der Suche galt es vor allem, ein Label zu finden, welches unpolitisch ist und keine einschlägigen Tonträger vertreibt oder gar verlegt. Unangenehmerweise muss ich zugeben, dass es durchaus eine Zeit innerhalb der letzten zwei Jahre gab, in der ich mit dem Liedgut virtuell hausieren gehen musste, was bedeutet, dass ich eine Handvoll Labels kontaktiert habe, um ihnen den zu veröffentlichenden Tonträger anzutragen. Ich bin mir sehr wohl dessen bewusst, dass gewisse Aspekte unserer Musik, namentlich der Gesang, als unpassend oder sogar nervig empfunden werden können, weshalb mich die,- mit Missgefallen begründeten Absagen weder verwundern noch anpissen.

Gewisse Verhandlungsschwierigkeiten auf der Basis teils sehr verquerer Argumente und anderer Unfug pissten hingegen nicht unerhebliche Mengen, so dass wir bis zum Sommer letzten Jahres immer noch kein passendes Label gefunden hatten. Aufgrund meiner,- bis in die Anfangszeiten meines musikalischen Schaffens zurückreichenden Bekanntschaft mit dem Menschen hinter ERK blieb mir dann aber glücklicherweise die Gründung des Labels nicht verborgen und eine,- während eines Telefonates geäußerte scherzhafte Anspielung gebar eine äusserst fruchtbare Zusammenarbeit.

Es fällt mir wirklich schwer nachzuvollziehen, dass Dein Gesang als unpassend oder nervig empfunden wird – und dies als ein Ausschlusskriterium gilt. Ich empfinde die Musik von ANIMO AEGER insgesamt als überaus vielschichtig und gesegnet von einer immensen Tiefe, musikalisch als auch lyrisch. Deshalb interessiert es mich schon seit langem, woher ihr eure Ideen, Einflüsse und Inspirationen bezieht. Ich empfinde eur
e Musik zwar als extrem eigenständig, doch gibt es womöglich musikalische Vorbilder oder bezieht ihr die Inspirationen aus Natur und Umwelt?

Wenn man die Rezensionen der bisherigen Veröffentlichungen liest, dann wird man immer wieder mit einer Handvoll Bands konfrontiert, die zu Vergleichszwecken genannt werden, so z.B. Dornenreich, Nocte Obducta, Agrypnie, Grabnebelfürsten und natürlich Bethlehem. Vermutlich kommt so manch einem letztgenannte Band in den Sinn, weil unsere Texte, ebenso wie die von Bethlehem, wahrscheinlich nahezu unverständlich für Außenstehende sind und sich der Gesang verhältnismäßig abwechslungsreich gestaltet. Dennoch ist mir unbegreiflich, inwiefern unsere Musik so klingen soll, als seien wir von dieser, doch wirklich einzigartigen Gruppe inspiriert, ja, würden sogar versuchen, ihren Stil zu imitieren.Animo Aeger (Band)

Bezüglich des Gesangs sollte auch darauf hingewiesen werden, dass rein gar nichts im Vorfeld geplant wird …, es passiert einfach, sobald ich vor dem Mikrofon stehe. Man könnte also sagen, bei der Art des Gesangs handle es sich nicht um ein Stilmittel, sondern um ein Phänomen.

Dornenreich, Nocte Obducta und Agrypnie gefallen mir persönlich nicht besonders gut, um ehrlich zu sein. Diesen Anflug von „schwarzer Romantik“ und melancholischem Pathos brauch‘ ich nich‘, weshalb es mir auch ein Rätsel ist, warum einige glauben, Kreationen solcher Art in unserer, größtenteils ziemlich pöbelnden Musik ansichtig geworden zu sein. Tatsächlich gibt es nur eine Band in der obigen Liste, mit der wir uns beide in den Anfangstagen unserer musikalischen Pseudokarriere intensiv beschäftigt haben. Ich würde sogar behaupten wollen, dass „Von Schemen und Trugbildern“ eines der ersten Alben war, die mich wirklich umgehauen haben, weswegen es wohl nicht verwunderlich wäre, wenn die Fürsten einen gewissen Einfluss auf die Entstehung unserer Lieder gehabt hätten.

Lyrisch sind wir vor allem geprägt von der Alltäglichkeit. Von sozialen Interaktionen, wie sie im Treiben einer Großstadt wie Berlin überall zu beobachten sind, welchen man sich auch selbst nicht entziehen, erwehren, verschließen kann oder will, und denen immer, überall und ganz eindeutig die zwei Grundzüge der Menschlichkeit zugrunde liegen, wenngleich man auch im Laufe der letzten zweihunderttausend Jahre reichlich Lametta und konversatorischen Tinnef außenrum gepappt hat. Das zu beobachten und gedanklich zu sezieren ist zum Einen unverschämt deprimierend, weil man sich doch einer gewissen Sinnlosigkeit in allem Menschgeschaffenen versichert sieht, zum Anderen kann diese Lächerlichkeit einen enormen Ekel hervorrufen, aber durchaus auch Anlass für immense Belustigung darstellen.

Diese Sicht auf alles zivilisierte Leben, mitunter versetzt mit persönlichen Temporär-Inferni und eigenen emotionalen Unzulänglichkeiten, stellt unsere Inspiration dar, sowohl lyrisch, als auch musikalisch.

Ich muss gestehen: Der Vergleich zu Bethlehem ist mir nicht gänzlich fremd. Allerdings nicht weil ich denken würde, ANIMO AEGER würden dem Stil nacheifern, sondern weil die lyrische Andersartigkeit und Tiefe sowie die morbide Faszination für das Dunkle und Abstrakte vergleichbar sind. An die anderen von Dir genannten Bands hätte ich jetzt allerdings nicht gedacht, zum Teil (Grabnebelfürsten) kenne ich sie kaum. Eher hätte ich an Todesstoß gedacht, einfach der bizarren musikalischen und philosophischen Komplexität wegen, nicht so sehr weil die Musik sich ähneln würde.

Nun, Deine Beobachtungen im Moloch Berlin kann ich gut nachvollziehen. Ekel, Belustigung und Unverständnis trifft man hier an jeder Ecke. Was mir aber an euren Texten – und auch denen von Bethlehem – so gut gefällt, ist die Aufforderung zum eigenständigen Denken. Du gibst kein Dogma vor sondern lässt sehr viel Interpretationsspielraum, das finde ich großartig. Jeder kann sich seinen Teil denken – oder auch nicht. Texte interessieren mich im (Black) Metal kaum, da sie meistens zu plump oder eben dogmatisch sind.

Wenn ich mir eure Veröffentlichungen anschaue, dann ist das Spektrum überaus breit gefächert. Dein Interesse gilt nicht einzig und allein dem Black Metal, dies hört und spürt man. „Wolfsvisionen“ ist sehr roh und harsch und stellenweise sogar mit Death Metal durchmischt. Andernorts gibt es sehr atmosphärische und melodische Elemente, die man dem Ambient oder auch Stoner und Doom zuordnen könnte. Deshalb fällt mir als Stilbegriff „Dark Metal“ ein. Kannst Du mit solch einer Schublade für eure Musik leben oder sind Dir derlei Kategorien einfach nur egal?

Animo Aeger - FieberDie instrumentale Umsetzung der Idee hinter Animo Aeger hat ihre Wurzeln natürlich vor allem im Black Metal, allerdings sind sowohl Death Metal-Einschläge, als auch Punk-Anleihen wahrnehmbar, wenn wir mal ehrlich sind. Meine Passion für Stoner Metal, Space-Rock und dergleichen kann ich durch andere Projekte jedoch ausreichend ausleben, sodass ich mir ziemlich sicher bin, den Einflüssen dieser Art den Weg in das musikalische Gebilde Animo Aeger versperrt zu haben. Solche entspannten Parts passen einfach nicht in unsere gemeinsamen Vorstellung der Musik, die sich ja vornehmlich abwechslungsreich oder richtiggehend hektisch ausnimmt, was sich in den größtenteils flotten Takten und der recht geradlinigen Gitarrenarbeit begründen mag…, also nix mit Doom.

„Dark Metal“ ist für mich schon ein ziemlich schwammiger Begriff, bei dem ich ungeachtet des Debüt-Albums Bethlehems, vielleicht zu Unrecht, an übermäßigen Einsatz von Syntheto-Streichern und Gothic-affines Gehabe denken muss. Ich selbst hätte uns jetzt nicht unbedingt diesem Genre zugeordnet, sofern das denn überhaupt für ein eigenes Genre befunden wird, was ich nicht einschätzen kann, weil meine musikalischen Vorlieben zwar ein relativ weites Spektrum abdecken, aber dennoch auf genau dieses Spektrum begrenzt sind. Persönlich halte ich das Einordnen in Kategorien und spezifische Sub-Genres nicht für unbedingt sinnlos, ist doch sonst eine, zumindest grobe, Orientierung angesichts dieser erdrückenden Masse von Bands, Solo-Projekten und ominösen Kapellen kaum möglich. Erzählst du einem eingefahrenen Teitanblood-Fan von der Avantgarde-BM-Band Animo Aeger (mit diesem Begriff wurden wir bisher noch am häufigsten bedacht), dann wird der entsprechende Anhänger rauer Klänge es sich vermutlich verkneifen, unseren Ergüssen auf BandCamp hinterherzujagen. Dann hat er Zeit gespart, was ’ne feine Sache ist.

Verstehe ich Dich richtig, Du empfindest eure Musik gar nicht so atmosphärisch und „entspannend“, als dass man Stile wie Stoner oder Space-Rock zum Vergleich heranziehen könnte? Das überrascht mich doch etwas, da ich zumindest „Fieber“ und „Storchenwahrheit,-wirklichkeit“ teilweise als sehr atmosphärisch und melodisch empfinde. Welches Lied würdest Du denn wählen, wenn Du ein Lied aussuchen müsstest, um damit jemanden ANIMO AEGER bestmöglich vorzustellen?

Als atmosphärisch und mitunter melodisch würde ich unsere Musik durchaus bezeichnen, allerdings ist sie vorwiegend melancholisch, und eben nicht so … cool, wie der Großteil der Musik, die unter dem Banner des Stoner Metal gehandelt wird. Auch das Attribut „psychedelisch“ würde ich unseren Auswürfen nicht zuordnen. Gelassenheit findet also kaum Platz im Ausdruck Animo Aegers, zumindest nicht auf den offiziellen Veröffentlichungen.

Um ehrlich zu sein, wüsste ich nicht, welches Lied ich für umfassend repräsentativ für unseren Stil befinden soll, um anhand eines solchen Auszuges aus unserer Diskographie unser gesamtes musikalisches Gekrampfe zu umreißen. Müsste eins sein, was sowohl fiebrig und hektisch, als auch melancholisch und zum Teil aggressiv ist. Also die meisten, oder was?! Keine Ahnung …, vermutlich würd‘ ich den Opener der „Fieber“ wählen.

Dass Du Dich auch noch in anderen Bands austobst hast Du selbst angesprochen, gibt es neben Vrångbild noch andere nennenswerte Projekte von denen Du kurz was erzählen willst?

Animo Aeger - WolfsvisionenEs gibt durchaus noch mehrere Handvoll Nebenprojekte, manches davon recht neu, andere bestehen schon seit geraumer Zeit, sind aber noch nicht öffentlich in Erscheinung getreten, weil ich schlichtweg zu verpeilt bin, mich um die Veröffentlichung diverser Aufnahmen zu kümmern. Da ich mitunter so viele unterschiedliche Ideen habe, dass mein Schädel fast birst, jedoch nich‘ alles in zwei Bands verwurstet werden kann, wenn man nicht den Stil zu sehr verwässern will, ist die Zahl der (vornehmlich Solo-)Projekte inzwischen erheblich angestiegen, die meisten davon ergehen sich in Spielarten des BM oder Doom, einige wenige versuchen sich aber auch an weniger extremem Ausdruck. Allerdings sind Animo Aeger und Vrångbild schon meine Hauptprojekte.

Was bedeutet der Name ANIMO AEGER?

Frei übersetzt „geisteskrank“, originellerweise.

Am Anfang unseres Gesprächs hattest Du bereits angedeutet, dass es neues sowie unveröffentlichtes Material gibt. Wie sieht die nahe und mittlere Zukunft von ANIMO AEGER aus? Wann kann man mit etwas Neuem rechnen?

Wenn alles glatt geht, können wir uns Ende des Jahres an die Aufnahmen der „KotzeAdel“-Ep machen. Je nachdem wie viel Zeit die Nachbearbeitung, vor Allem aber die Labelsuche, in Anspruch nimmt, kann der Tonträger dann Anfang, respektive Mitte nächsten Jahres in die Freiheit entlassen werden.
Vorher gibt’s dann aber vermutlich noch mindestens zwei der drei, bisher unveröffentlichen Ep’s, die wir hoffen, wieder über ERK rausbringen zu können.

Gråsjäl, ich danke Dir für die Ausdauer und die ausführlichen Antworten. Das letzte Wort gehört Dir.

Man ist erfreut über das Interesse an unserem Projekt und dankt für deine Geduld.

https://animoaeger.bandcamp.com/

Das Gespräch wurde zwischen Januar und September 2015 geführt.

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